Über Inflationssorgen, Verwaltungspower und unheilige Allianzen - PPE #2

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Oliver Weber
Oliver Weber
Willkommen zur zweiten Ausgabe meines Newsletters. Diese Woche geht es um Inflationssorgen, Verwaltungspower und unheilige Allianzen.

Die Chancen der Inflation
Ist es schon wieder so weit?
Wer derzeit ein bisschen in den deutschsprachigen Wirtschaftsteilen herumblättert, wird auf eine altbekannte Figur treffen: Die Gefahr einer großen Inflation. Coronabedingte Angebotsverknappung und expansive Haushalte könnten in diesem Jahr lange ungekannte Teuerungsraten zurückbringen, so die Argumentation. Dass die FAZ (25. Februar) hier auf einer ganzen Doppelseite Bedenken äußert, ist kaum verwunderlich, dass SPIEGEL und SZ aufspringen, vielleicht schon eher. Letztere macht daraus sogar ein linkes Argument: Steigende Preise treffen vor allem die Armen, die Notenbanken müssten also schon bald wieder die Zügel anziehen und das verfügbare Geld verknappen. Grund genug sich das genauer anzuschauen.
Die langen Lehren der 80er
Um das Problem zu verstehen, muss man sich die politische Ökonomie der Inflation vor Augen halten. Tatsächlich leben wir spätestens seit den 2010er Jahren in einer tendenziell deflationären Umgebung. Dass das nicht nur ein monetäres Phänomen ist, sondern politisch gewollt, schildert eindrücklich der Wirtschaftshistoriker Yakov Feygin: Seit den 1980er Jahren - dem Ende der sog. “Stagflation” - beherrscht eine deflationäre Koalition aus inflationsvermeidenden Notenbanken, freien Kapitalmärkten und sparenden Staatshaushalten das Geschehen in westlichen Ländern. Weil die Maschine in den 1970ern zu heiß lief, hohe Teuerungsraten herrschten und immer mehr Wohlstand von Kapitaleignern zu Industriearbeitern floß, gilt bis heute die Inflationsvermeidung als oberstes Gebot (s. Abbildung 2).
Abbildung 1: Die Performance der Notenbanken, gemessen an ihrem eigenen Inflationsziel
Abbildung 1: Die Performance der Notenbanken, gemessen an ihrem eigenen Inflationsziel
Eine inflationäre Koalition?
Diese Präferenz verursache, so Feygin, neben Finanzkrisen (aufgeblähte Kapitalmärkte bei stotterndem Wachstum) aber auch regelmäßig politische Disruptionen (Wachsende Ungleichheit, z.B. bei Hauspreisen). Die FT bringt das auf die Pointe: “QE — F = P. Quantitative easing minus fiscal action equals populism”.
Politisch hängt also vieles davon ab, diese deflationäre Koalition zu brechen und die Gesellschaften auf einen Pfad zurückzuführen, der inklusives Wachstum und ökologische Nachhaltigkeit kennt. Eine gewisse Inflationssteigerung darf da durchaus in Kauf genommen, zumal dadurch auch eine Steigerung des Organisationsgrades von Gewerkschaften eintreten dürfte. Der Zeitpunkt für eine solche inflationäre Koaliation ist sogar günstig: Die Notenbanken selbst fahren eine ultra-expansive Geldpolitik und appellieren an die Finanzminister, dieses viele Geld doch bitte politisch sinnvoll zu nutzen, statt die Aktien- und Immobilienmärkte aufzublähen.
Abbildung 2: Zunahme der Ungleichheit seit den 1980er Jahren
Abbildung 2: Zunahme der Ungleichheit seit den 1980er Jahren
Inflation muss also kein Feind von Menschen mit geringem und mittlerem Einkommen sein, richtig genutzt, kann dadurch der gegenwärtige Kreislauf aus Wirtschaftskrisen und populistischen Regressionen gebrochen werden. Wie eine solche Wachstumsstrategie aussehen könnte - und was sie von der bisherigen unterscheidet, hat der indische Ökonom Amit Bhaduri in diesem Interview skizziert: “So long as you try to solve the problems of the poor through a profit-led growth of the financial sector, you will only generate economic instability and stock market mania leading to occasional breakdown and rising inequality”.
Aus den Feuilletons
Ungemessene Ungleichheit
Auf Geschichte der Gegenwart zeigt der Wirtschaftshistoriker Felix Römer wieso wir in Deutschland sehr viel seltener und ineffektiver über Armut und Ungleichheit sprechen: Wir haben einfach kaum und schlechtere Daten dazu als etwa Großbritannien. Eine Pointe unter anderen: “Das sozialharmonische Bild der Mittelstandsgesellschaft”, das unser Land bis heute prägt, “wurde vom Soziologen Helmut Schelsky 1953 ohne breite statistische Grundlage formuliert”
Ausgepowerte und unpolitische Verwaltung
In einem interessanten Text erklärt die ZEIT, wieso die EU im Vergleich mit UK oder den USA bei den Impfungen und v.a. der Vakzin-Produktion so schlecht dasteht (Abbildung 3). Politisches Versagen gibt es, so der Tenor, aber der Hauptgrund könnte in einer zu schwachen und unerfahrenen Bürokratie liegen. Ja, richtig gehört, nicht an zu viel Bürokratie, sondern an zu kraftloser scheitert die aktuelle Politik. Auf sehr konkrete Weise erfährt man, was so eine Verwaltung eigentlich alles können muss, um ein Problem wie dieses zu bewältigen.
Abbildung 3: Performanz der Impfprogramme im Vergleich
Abbildung 3: Performanz der Impfprogramme im Vergleich
Eine weitere Ursache, erklärt der Politikwissenschafter Leonardo Carella hier, könnte die schwache Politisierbarkeit der europäischen, aber insbesondere auch der deutschen Verwaltung sein. Anders als in Großbritannien arbeiten deutsche Beamte viel autonomer und regelgeleiteter als britische, die für politische Imperative von oben leichter empfänglich sind. Die Hierarchien seien einfach anders ausgerichtet. Dadurch könnten unvorhergesehene Mammutaufgaben wie eine Pandemie schneller und vorausschauender bewältigt werden.
Brüchige Koalitionen, Teil 2
Schon im letzten Teil habe Ich anhand des deutschen und brasilianischen Falls über Brüche in rechtspopulistisch-neoliberalen Koalitionen geschrieben. Die FAS zeigt anhand der aktuellen Spaltungslinien im deutschen Liberalismus (Hayek-Gesellschaft etc.), dass diese Brüche immer stärker zu Tage treten. Es lohnt sich, die ideologisch strittigen Punkte genauer anzuschauen - denn hier müsste man ansetzen, will man politische Gegner schwächen.
Journale und Akademisches
Populisten und Antipopulisten
Fragwürdige Koalitionen, wenn auch unbewusst, beschreiben auch die Politikwissenschaftler Johannes Vüllers und Sebastian Hellmeier in diesem Paper für das European Journal of Political Research. Mithilfe eines Datensatzes von hunderten PEGIDA-Demonstrationen und -Gegendemonstrationen können sie zeigen, dass Gegenproteste die Mobilisierung der PEGIDA-Leute eher verstärkt denn geschwächt hat. So einen Kausalzusammenhang festzustellen ist natürlich immer schwierig, deshalb sei an die Limitierungen einer solchen Studie erinnert. Interessant ist der Befund aber doch, weil er zeigt, dass Dethematisierung vielleicht die aussichtsreichere Strategie im Umgang mit Rechtspopulisten ist.
Katholische Kapitalisten
Eine Buchankündigung erschien mir in der letzten Woche besonders spannend: Der Historiker Charly Coleman stellt das Max-Webersche Narrativ einer protestantischen Herkunft des Kapitalismus infrage. Nicht Askese und Zurückhaltung hätten kapitalistische Motive hervorgebracht, sondern katholischer Pomp, Verschwendungssucht und Konsumhingabe. Die ideengeschichtliche Studie kann hier vorbestellt werden.
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Oliver Weber
Oliver Weber @OliverBweber

Klassiker der politökonomischen Ideengeschichte, um die Aporien unserer Gegenwart zu verstehen

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